Kurzgeschichten


TRAUM

Lustig tanzen die Nadeln beim häkeln und verzückt schaue ich auf die flinken Hände, die mit jeder Bewegung ein Rautenmuster in zart rosa Tönen, versetzt mit einem silbrig glänzenden Faden, zaubern.

Ich beobachte schon eine geraume Zeit die vier Frauen, und wie ich Moment bemerke, recht ungeniert. Es scheint jedoch als würden Sie mich nicht wahrnehmen, denn ihr munteres Geplapper verstummt keinen Augenblick. Mich überkommt während der Beobachtung das merkwürdige Gefühl Luftlöcher in den Raum zu starren, die sich  dann in dem Muster des silbrig-rosa glänzenden Kunstwerks wieder finden.  Meine Neugier ist geweckt und ich frage mich was da wohl entsteht. 

Plötzlich reist mich ein freundliches „ Hallo“ aus meinen Überlegungen und eine der Häkeldamen steht vor mir. Erstaunt antworte ich oberflächlich auf das Hallo und bemerke erst in diesem Moment, dass sie einen fast mannshohen Spiegel auf Rollen bei sich hat. Verwirrt schaue ich vom Spiegel zu freundlich lächelnden Dame und wieder zurück. Und da setzt sie auch schon unverblümt an und bittet mich Model zu stehen. Überrascht schaue ich sie an, so tuend als hätte ich nicht wirklich verstanden, was sie da gerade geäußert hat. Sie steht und lächelt und macht auch keine Anstalten es noch einmal zu wiederholen. Bizzar, schießt es durch meinen Kopf, doch meine Neugier war geweckt und so nickte ich auch ohne weitere Worte zur Bestätigung. Just, in diesem Moment, als hätte sie nur auf mein Nicken gewartet, gesellte sich eine weitere Dame des Häkelkreises zu uns und bittet mich, genauso direkt und unverblümt, das Kleid anzuprobieren. Das Kleid? Ich hatte kein Kleid bei ihnen gesehen. In diesem an sich schon unwirklichen Moment huschte mir doch glatt der Gedanke durch den Kopf, ob ich wohl die passende Unterwäsche anhabe, um mich in der Öffentlichkeit zu entkleiden. Ich mußte Lächeln über diesen mentalen Seitensprung. Ich schiebe das schnell beiseite als ich in den offenen Blick von Marie und Josefine, wie sich die Damen jetzt vorstellten, schaue. Sie baten mich die Augen zu schließen und sie einfach machen zu lassen. Aha, stieg es in mir hoch, ein bißchen merkwürdig find ich das schon. Alles verflog in Moment als mich dieser Hauch von Seide nahezu umarmte und sich sanft von oben nach unten einhüllte. Es fühlte sich an, wie der kühlende Morgentau im Sommer, den ich an meinen Füßen spüre, wenn ich Barfuss durch den weichen Rasen in meinem Garten schritt. Die Waden umspielt der Hauch von Morgenfrische. 

Ich öffne meine Augen und schaue in zwei zufrieden nickende Gesichter, die ein freudiges Juchzen nicht verhindern können. Neugierig wende ich meinen Blick dem Spiegel zu und werde augenblicklich, wie in einen Bann gezogen. Es verschlägt mir den Atem. Das bin doch nicht ich?

Mich strahlt ein Wesen aus einer anderen Welt an. Das Kleid aus silbergrauer Seide schimmert changierend im dunklen rosa und leuchtet wie ein Regentropfen auf einer Rose im Licht der aufgehenden Sonne. Klar, frisch und leicht. Und da waren sie, die kleinen gehäkelten Rautenapplikationen. Sie schlängeln sich um den Saum in sanfter Linie von rechts schräg über den Rock bis hinauf zur Mitte des Bustiers. Dort verzweigten sie sich, um sich sanft an das Dekoltee anzuschmiegen. Dieselbe Verzierung fand sich auch an den Ärmeln, die in der Mitte bis zum Mittelfinger reichen und dadurch wie ein eleganter Handschuh wirken.

Ein Traum, entwich es mir.

Zauberhaft, zauberhaft rief verzückt Marie. Ja, plapperte Josefin munter los, das ist uns gelungen, das Elfenköniginenkostüm. Und ich muß gestehen, fuhr Josefine fort, es unterstreicht diesen Teil von Ihnen ausgesprochen gut. 

Ich gebe zu, allein es zu tragen, verlieh mir eine Leichtigkeit, Anmut und Erhabenheit, die ich in mir vorher so noch nicht wahrgenommen habe. Ich wollte einfach nur tanzen, mich in diesem fließen bewegen. Das Schwingen der Seide spüren, am ganzen Körper. Tanzen, tanzen, einfach nur tanzen.

„Ihr Eierkuchen Madam“

Verwirrt schaute ich auf den vor mir liebevoll platzierten Teller und blickte auf die lächelnde Bedienung. Nach gefühlt einer Ewigkeit stammelte ich stotternd ein: „Äh, ja äh ....vielen Dank, auch“. Langsam schlich sich ein wissendes Lächeln über mein Gesicht und nur die klappernden Nadeln und das nachhallend schwingende Gefühl, der tanzenden Seide auf meiner Haut, blieben zurück.

War es ein Traum?


Roter Nebel

Da ist es wieder. Wieder so ein Tag. Nein, nicht wieder. Es ist einfach ein Scheißtag. Bin zu feige einen Anruf zu machen. Ja, ich bin jetzt weise trotzig. Cool. Trotzi darf sein.

Als jemand der durch die Welt gezogen ist und selbst viele Veränderung vermeintlich mit Freude durchlaufen ist, nehme ich heute wahr - schmerzlich, das tief in mir eine Veränderung immer begleitet war von panischer Angst und einem enormen Unwillen es zu tun. Diesen Teil habe ich ignoriert. Er war da, immer und ich habe ihn nie ernst genommen, weggeschoben, nicht fühlen wollen. Habe mir eingeredet, dass Veränderungen mir leicht fallen.

Es ist schon Paradox, ein Reisender zu sein und  plötzlich in Panik zu verfallen, wenn es heißt das zu erschließen, zu erleben und zu entdecken, weswegen ich die ganzen Reisen überhaupt unternahm.

Seit Monaten dümple ich herum, beschäftige mich mit mir selbst erschaffenen wichtigen Projekten, die ausnahmslos alle interessant und erfahrenswert sind. Ich werde nur das Gefühl nicht los, mich in einer sich immer wiederholenden Endlosschleife zu befinden. Alles was anfänglich sich neu und interessant anfühlt, hat plötzlich den schalen Geschmack von tausendmal gelebt. Immer dasselbe. Also warum mache ich das?

Und das Resultat ist, und das ist überraschend und in sich genial, wenn ich nicht gerade mittendrin stecke. Es dient mir. Ich habe Trotzi entdeckt. Dieser scheinbar unsichtbare, aber sehr strikte Teil von mir verdient es näher vorgestellt zu werden. Ich gebe zu, dass ich mich ihm lange verweigert habe. Genau genommen habe ich ignoriert, dass er überhaupt existent ist. Doch er wollte, dass ich ihm endlich gewahr werde und nicht nur ihm, wie sich herausstellte.

Alles begann damit, dass vor Monaten auf mysteriöse Weise das Angebot hereinflatterte, mich auf den Weg in den Roten Nebel zu machen. Mysteriös erschließt sich aus den folgenden Zeilen des mir schriftlich zu gekommenen Anschreibens.

„ Hallo, 

es ist Zeit, 

den roten Nebel zu entdecken. 

NIRIBU.“ 

Anschreiben ist wohl etwas übertrieben. Kurzmitteilung trifft es besser. Ich befand mich gerade in der Übergangsphase von einer abgeschlossenen Reise und noch nicht so richtig wissend, was als nächstes kommt, als diese nebulöse Nachricht mich erreichte. Sie lag in meinem Briefkasten in einem strahlend roten Umschlag und schon der erste Blick irritierte mich, da rot nicht wirklich die Farbe beschreibt. Die Augen sahen ein bekanntes Rot, doch zeigte sich es dann ganz anders, changierend sich ständig verändernd, als ob wirklich ein sanfter Nebel ständig  über dem Umschlag in Bewegung ist. Es fühlte sich gut an und erstaunlicherweise garnicht nebulös. Ich hatte und habe noch das Gefühl, wenn ich auf den Umschlag schaue, dass mich es regelrecht in ihn hineinzieht. Die Nachricht stand auf einem Papier, ähnlich wie Transparentpapier und das fühlte sich an wie ein sanfter Bergsee in den ich meine Hände tauche. Die klare Schrift schimmerte im selben changierenden Rot des Umschlages und durchdrang mich.

 

„ Hallo, es ist Zeit, den roten Nebel zu entdecken. 

NIRIBU.“ 

 

Ein schaudern lief durch meinen ganzen Körper. Erschreckend schön. Mein Pioniergeist war sofort auf vollen Touren. Ich wusste in diesem Moment, dass alles was ich bisher erlebt hatte keinerlei Bedeutung mehr haben würde, wenn ich mich entschied diesen Nebel zu entdecken. Ein Gefühl stieg in mir hoch, das mir bekannt war und doch als hätte ich es Äonen nicht mehr gefühlt. Vertraut und doch so unwahrscheinlich, das ich es im Moment, wo es sich in mir ausbreiten wollte, erschrocken den Umschlag von mir warf. Mein Körper fing an zu zittern und Angst machte sich breit. Ich hatte das Gefühl innerlich zu zerspringen und wollte einfach nur noch raus. Ja, und wohin? Da war was. Es zog mich an, unwiderstehlich. Und plötzlich brach alles ab und es schob sich etwas, wie ein Riegel vor diese Wahrnehmung in Form einer Stimme in meinem Kopf. „Halt. Stop. Mach langsam. Bist Du verrückt. Das ist ein Stück Papier. Du weißt nicht woher und von wem das kommt. Das muss eine Falle sein.“  Ich tauchte auf, wie aus einem Traum. Ich muss gestehen. Ich hatte keine Ahnung. Roter Nebel - nie von gehört. Wo, was war das? Wie komme ich dahin? Und wer oder was, zum Teufel, ist Niribu? 

In diesem Moment jedoch war es für mich logischer zu glauben einer Verirrung gegenüber zu stehen. Ich muß nicht immer gleich auf alles springen. Schon wieder alles hinter mir lassen. War doch gerade voll von den letzten Abenteuern. Nö, jetzt nicht. Trotzi war da.

Doch noch etwas war da, mehr der Hauch einer Ahnung, doch ich weiß. Ich weiß. Es ist da. 

 

NIRIBU